OSTERN 2020 am Palmsonntag

Für die heute beginnende Heilige Woche soll ein Bild zur Anregungen für einen geistlichen Weg auf Ostern hin geben. Das Bild gehört zu einem Zyklus, der sich in der Abtei Kornelimünster befindet. Auf das Bild „Fußwaschung“ beziehen sich alle hier folgenden Gedanken. Die Darstellung des nachdenklichen Petrus will die Betrachter zu einem stillen Dialog über das einladen, was in den kommenden Tagen in der Liturgie angesprochen wird. Das Bild bleibt in den Tagen dasselbe. Beim Betrachten kann es neue Eindrücke eröffnen, die uns helfen mögen, unseren Weg im Glauben aufzuspüren.

zum Bild von J. Brooks Gerloff / abtei-kornelimuenster.de

Palmsonntag

Das sitzt ein nachdenklicher Mann. Vor ihm auf den Knien eine Gestalt, nur vom Rücken zu sehen. Das Bild kommt etwas zu früh, werden Sie denken. Das ist doch erst am Gründonnerstag dran: Fußwaschung. Der Mann aber, der dort so nachdenklich sitzt, war am Palmsonntag beim Einzug Jesu in Jerusalem in ganz anderer Stimmung. Da war er in seinem Element: Immer vorne an: Hosianna, dem Sohne Davids!  Der Empfang Jesu war ein Triumph. So hatten es Petrus und die Jünger gern. Jesus sollte ein Sieger sein. Sie ahnen nicht, was sich entwickeln wird.Dieses Bild, dieser Petrus sollen uns in den kommenden Tagen bis Ostern begleiten.
Was mit ihm passierte soll an uns nicht spurlos vorübergehen. Das Leben des Petrus bekommt eine neue Richtung. Er wird in die Gesinnung Jesu hineingenommen. Das Leitwort dieser Tage lautet: »HINEINGENOMMEN«
Aber in diesen Tagen und Wochen sind wir alle auf ungeahnte Art hineingerissen worden in eine Zeit der Unsicherheit, ja Angst. Niemand kann das wegschieben. Unterschiedlich sind wir betroffen. Davon ist jetzt alles beherrscht und besetzt.
Man könnte denken, das Fest, auf das wir in diesen Tagen zugehen, passt jetzt überhaupt nicht. Doch deshalb ist das Fest genau richtig. Feste des Glaubens sind  Akzente gegen das, was gerade beherrschend ist.
Die Feste des Glaubens machen den Blick frei und lassen uns etwas erahnen und erkennen, das unseren alltäglichen Augen oft verborgen bleibt. Begleiten wir den nachdenklichen Mann auf unserem Osterbild.

Montag der Karwoche

Glauben heißt: sich in die Gesinnung Jesu hineinnehmen lassen. Die Feste des Glaubens  wollen das in immer neuen Schritten möglich machen. Menschen sollen hineingenommen werden in die Lebensart Jesu, in das, was ihn prägte.
HINEINGENOMMEN WERDEN:  Wie soll das in diesen Zeiten gelingen? Ein Fest will etwas bewegen.
In diesem Jahr trifft uns das Osterfest „auf dem falschen Fuß“ – so könnte man sagen. Es wird schwer werden, den Blick von den stets neuen Entwicklungen und Nachrichten zu lösen.
Und doch: es ist lebensnotwendig, Akzente gegen die bedrohliche Epidemie der Ängste zu setzen.
Ein christliches Fest schaltet das Leben nicht einfach ab. Es findet mitten im Leben statt. Unsere Sorgen bleiben. Der Glaubensweg ist immer Kontrastweg. Das wird in den österlichen Tagen 2020 sehr deutlich.
Auf unserem Bild wirkt Petrus sehr nachdenklich. Da passiert etwas, das er verarbeiten muss. Da kniet einer vor ihm und beginnt mit einem Dienst, den nach damaliger Vorstellung die verdammte Pflicht von Sklaven war. Das geht gar nicht, denkt er. Was soll das?
Hineingenommen werden in die Gesinnung des Dienens, in die Lebensart Jesu. Das müsste zu denken geben. Bei Petrus ist etwas passiert. Der Triumph des Einzugs in Jerusalem ist bei ihm verflogen.
Was gibt mir zu denken?

Dienstag der Karwoche

Die ersten Adressaten des Johannesevangeliums waren von der griechischen Lebensweise geprägt. Wichtig waren damals großzügige Gastmähler. Eingeladen zu sein, war eine Ehre. So gehörte man „dazu“. Daran erkannte man die eigene gesellschaftliche Bedeutung.
Wer sich einladen ließ gab damit allerdings auch zu verstehen, dass er die Lebensweise der Gastgeber gut hieß. Wenn sich Jesus beispielsweise von „Sündern“ einladen ließ, musste das in den Augen gewisser Pharisäer so aussehen, als billige er deren Treiben.
Die jungen christlichen Gemeinden im griechischen Kulturraum hatten ein gut entwickeltes Gespür für den Wert einer Mahlgemeinschaft. Eine solche Gemeinschaft prägt über die Jahre. Man wächst zusammen, Gemeinschaft färbt ab.
In diesem Jahr entfällt Vieles. Es gibt keine gemeinsamen Gottesdienste. Das physische „Hineingenommen werden“ fällt flach. Das wird man in den kommenden Tagen erst richtig spüren. Das gilt ja auch für die familiären und freundschaftlichen Lebensbereiche.
Was bedeutet es mir, in eine Gottesdienstgemeinde hineingenommen zu sein? Was hat mich doch mehr geprägt, als ich bislang dachte und spürte? Was geht mir jetzt ab?
Petrus sitzt da und lässt sich manches durchs Herz gehen. Er hatte Jesus noch einmal und ganz anders erlebt. Der Meister als Diener. Der Gastgeber, der sich nicht zu schade ist, einen Sklavendienst zu tun. Ein Beispiel gab er.
Was kommt bei mir an?

Mittwoch der Karwoche

Sich hineinnehmen lassen und Hineingenommen werden bedeutet, sich für eine Entwicklung bereit zu halten. Die hatte für Petrus schon vor einer Reihe von Jahren  begonnen. Die Evangelien erzählen davon. Einiges davon wird spontan in unserer Erinnerung auftauchen.
Kaum ein anderer Jünger Jesu wird so detailreich beschrieben. Da ist der stets Kraftvolle, der sich einiges zutraut. Da ist der Petrus, der von Jesus eine harte Zurechtweisung zu hören bekommt. Da ist auch der Schwache, der zurückschreckt, wenn es eng und gefährlich wird. Es wäre angebracht, diesen einzelnen Szenen nachzugehen. Sie lassen die Entwicklung erkennen, die sich ähnlich in jedem Glaubensweg finden wird.
Bei Matthäus finden sich folgende Details:  4,18 – 14,28 – 16,16 ff – 16,23 – 17,4 – 18,21 ff – 16,33 ff –  Mt 26,58 ff
Es hilft, der Person des Petrus auch in den anderen drei Evangelien besonders in den Passionsgeschichten  nachzugehen. In diesen Texten zeigt sich das Nachdenken der jungen Christengemeinden über die Menschen, die in unmittelbarer Nähe Jesu gelebt hatten. Die unterschiedlichen Blickwinkel der vier Evangelisten  etwa auf Petrus lassen uns daran teilhaben.
Damit sind wir bei uns: wie war meine Entwicklung. Auch die unscheinbaren und nebensächlich erscheinenden Erinnerungsfetzen sind für das Gesamtbild unverzichtbar. Wer und was waren bei meiner Entwicklung prägend? Unsere Erinnerungen steuern Wesentliches dazu bei, wenn sie die damit verbundenen Empfindungen wach werden lassen
Die Tage vor Ostern können uns diesen persönlichen Schatz wieder zugänglich machen.

Gründonnerstag

Gerade hatte Petrus gehört wie Jesus ihm sagte: „Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen…..Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.“(Joh 13, 7 ff) Da sitzt er und sinnt nach. Was macht ER mit mir? Jesus kniet vor ihm nieder  und Petrus, dem „Felsenmann“, bleibt nichts andres übrig, als die Fußwaschung an sich geschehen zu lassen. Wenn du dich nicht waschen lässt, dann wirst du nicht verstehen, wie ich meinen Auftrag sehe. „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt“. Petrus und die anderen werden in die Lebensart Jesu hineingenommen. Die zu begreifen wird noch dauern. Selig, die sich vor Gott arm und bedürftig wissen, heißt es in der Bergpredigt. Das zu akzeptieren fällt nicht nur dem Petrus schwer. Niemand fühlt sich gerne bedürftig und auf andere angewiesen. Sich in Jesu Lebensart hineinnehmen lassen, heißt genau das zu akzeptieren. Später wirst du begreifen, das hört nicht nur Petrus, das hören auch wir an diesem Gründonnerstag.  Im Bild des nachdenklichen Petrus können wir uns in diesen Tagen wiedererkennen. Was macht das Beispiel Jesu  mit uns? Jesus bückt sich und bietet uns seinen Dienst an.

Karfreitag

Wir bleiben bei Petrus. Der krähende Hahn Joh 18,27)  hat ihn in die Wirklichkeit zurückgeholt. Noch im Abendmahlssaal hatte er behauptet: „Mein Leben will ich für dich (Jesus) hingeben.“  In seiner Angst wird er schwach und verleugnet den, der ihm die Füße gewaschen und ihn zusammen mit den anderen Freunde (Joh 15,14) genannt hatte. Freundschaft kann man sich wünschen, aber nicht beantragen. In eine Freundschaft wird man hineingenommen und lässt sich hineinnehmen. Da passiert etwas mit den Menschen, die sich hineinnehmen lassen. Freundschaft verändert. Wer Freundschaft annimmt, tut ganz automatisch das, was der Freundschaft entspricht. Das Erlebnis des gemeinsamen Mahles und das Zeichen der Fußwaschung waren nicht so stark und prägend, dass sie die Schwäche des Petrus hätten auffangen können. Aber Jesus hat seine Jünger in eine großzügige Freundschaft hineingenommen, die er nicht zurücknimmt und wegen ihrer Untreue nicht aufkündigt. Seine Liebe ist unerschütterlich und macht sich nicht davon abhängig, ob sie erwidert wird. Nach dem Hahnenschrei ist Petrus fassungslos, er weint. „Setzen“ wir uns eine Zeit neben den nachdenklichen Petrus.

Karsamstag

Der nachdenkliche Petrus: Lassen wir die Figur des knienden Jesus einmal aus dem Blick. Sehen wir nur Petrus. Die Augen fast geschlossen. Die Hände ineinander gelegt. Er kann alles nur auf sich wirken lassen. Er lässt etwas an sich geschehen, was er zunächst ablehnen wollte. Dann lässt er es doch zu. Merkwürdig kommt ihm das Verhalten Jesu schon vor. Der Karsamstag, der Tag für den man keinen Plan braucht. Ein Tag, eine Zeit, die dazu dienen könnte, das Weizenkorn in die Erde fallen zu lassen. Vielleicht geht dem Petrus alles noch einmal durch Herz und Kopf, was mit ihm geschehen war. Wir dürfen es uns einmal vorstellen und in uns selber hineinhören. Was höre ich, wenn ich in die „Tiefe“ gehe, in die Bereiche meines Inneren, die ich selten betrete? Petrus, die Jüngerinnen und Jünger haben das Leiden und Sterben Jesu als Zusammenbruch erlebt. Haben wir uns zu sehr an „das“ Glauben gewöhnt? Die Nachdenklichkeit des Petrus stände uns gut an.

Ostersonntag

Roger Schutz, der Gründer der Gemeinschaft von Taize, hat einmal zum Osterfest gesagt: „Der Auferstandene kommt um in den Herzen der Menschen ein Fest zu feiern“. Also: nicht wir feiern Ostern, sondern der Auferstandene kommt in uns hinein und nimmt uns hinein in das, was an  ihm geschehen ist: Neues Leben durch Gottes Kraft und schöpferische Macht. Bei Petrus auf unserem Bild ist davon nichts zu spüren. In der Tat war keinem der Apostel nach „Ostern zu Mute“. Die BOTSCHAFT der Frauen lässt sie ungerührt. Im Gegenteil: sie halten das alles für Geschwätz. Der Schmerz des Verlustes drückt alles beiseite, was sich nach Hoffnung anfühlen könnte. Kein Alleluja war zu hören, Hilf- und Ratlosigkeit beherrschten alles. OsterFREUDE Fehlanzeige. Die Ostererzählungen der Evangelien schildern uns ungeschminkt, wie fassungslos die Jünger sind. Der Auferstandene begegnet ungläubigen Menschen, die verängstigt wahrzunehmen versuchen, was unglaublich ist. Langsam ganz langsam und in immer neuen Begegnungen mit Jesus reift die Erfahrung, dass die Gestalt kein Gespenst ist. Kann es sein, dass wir uns über die Jahre in einer Oster-seligkeit beheimatet haben, die möglicherweise etwas wackelig ist? Wie dem auch sein, mit R.Schutz könne  wir beten: „Du, der Auferstandene, nimmst uns so an, wie wir sind; mit dem Herzen, das wir haben. Warum sollte wir uns erst dann an dich wenden, wenn sich unser Herz verändert hat? Du bist es, der verwandelt.“    WAS soll da passiert sein, fragt sich Petrus. Lassen wir uns mit ihm auf diese Frage ein. Ostern wird.

Ostermontag

Ostern wird ! Ostern reift heran. Petrus war auch einer von denen, die die Botschaft der Frauen für Geschwätz hielten. Er war zwar zum Grab gegangen, aber dann ging er zurück  „voll Verwunderung über das, was geschehen war.“ (Lk 24,12) Zwei der Jünger kehrten dem Ganzen sogar den Rücken und verließen die Stadt. Sie reden und reden und reden über ihre Enttäuschung. Das gesellt sich jemand zu ihnen. Sie aber merken nicht, dass es Jesus war. Auch seine Worte und Erläuterungen fruchten nicht. Als sie aber beim Mahl saßen, gehen ihnen die Augen auf und mit einem Schlag war klar: ER ist es. Der Auferstandene geht den Enttäuschten nach! Das ist eine wichtige Botschaft. Den Enttäuschten öffnet ER die Augen.  ER schenkt den Glauben. ER nimmt sie hinein in die nicht endende Mahlgemeinschaft. Osterglaube entwickelt sich aus dem Unglauben. Und das kann dauern. Wenn wir also Ostern „feiern“, dann so wie wir gerade „dran“ sind. „Du nimmst uns so an, wie wir sind, mit dem Herzen, das wir haben.“ Mit Petrus dürfen wir nachdenklich bleiben. Die Frage: was passiert da mit uns, mit mir, muss bleiben. Ostern WIRD.
Eine kleine österliche Vermutung sei noch gestattet: Einer der Emmausjünger hieß Kleopas. Der andere: Matthias. Warum? Er wird bei seiner Wahl als „Zeuge der Auferstehung“ angesprochen. Das bedeutet: er hat etwas erlebt, eine Verwandlung. Er wurde hineingenommen in ein Leben, eine Gemeinschaft, die ihn in der Tiefe seines Herzens mit neuem Leben erfüllte. Bei ihm wurde Ostern.