Predigt 24. Mai 2020

Predigt von Abt Ignatius Maaß am 24. Mai 2020  

Liebe Schwestern und Brüder,
in der Liste der Apostel, die in der Lesung (Apg 1, 12-14) vorgelegt wurde, fehlt einer. Es sind nur elf. Unser Matthias ist nicht dabei. Noch nicht. Wir wissen, dass er hinzugewählt wurde. Gestern, am Samstag nach Christi Himmelfahrt, war das Fest seiner Wahl. Aber erst einmal fehlt sein Name. Die Gemeinde in Jerusalem ist in einer Verlegenheit. Die Symbolkraft des Zwölferkreises war zerstört. Die Glaubwürdigkeit Jesu war in Frage gestellt. Was sollten sie tun, die Jüngerinnen und Jünger? Sie mussten sich etwas einfallen lassen. Natürlich etwas, das der Absicht Jesu entsprach. Also schlägt Petrus vor: Lasst uns einen nachwählen. Und so machen sie es. Sie machen etwas Neues, das Jesus so nicht verordnet hatte, aber sie machen es nicht ohne ihn. Sie machen es in ganz enger Verbindung mit ihm. Sie beten: „Herr, du kennst die Herzen aller.“ Was so viel bedeutet wie: Du kennst einen jeden und eine jede von uns persönlich. Du weißt, wer wir sind und was uns bewegt. Und: Du bist uns von Herzen zugetan. Du stehst zu uns und du stehst uns bei. „Herr, du kennst die Herzen aller.“ (Apg 1, 24) Aus der lebendigen Beziehung zu Jesus heraus finden die Jünger und Jüngerinnen eine Lösung, einen Weg. Auch später, als sie wieder in einer Verlegenheit sind. Die Gemeinde war größer geworden und es gab Probleme mit der Versorgung der Hilfsbedürftigen, der Armen und der Schwachen. Wer sollte sich um sie kümmern? Wieder mussten sie sich etwas einfallen lassen, etwas das neu war, das Jesus so nicht angeordnet hatte, das aber mit seinen Absichten in Einklang stand. Also bestimmten sie sieben Männer zu Diakonen. Sie sollten sich kümmern. Das war neu. Aber ganz im Sinne Jesu. Und wieder beteten sie. Aus der lebendigen Beziehung mit Jesus fanden die Jünger und Jüngerinnen eine Lösung, einen Weg. Liebe Schwestern und Brüder, die Wahl des Apostels Matthias, die Erfindung der Diakone und anderes machen deutlich: Christen, Christinnen müssen sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, um auf eine neue Situation im Geiste Jesu zu reagieren, um Antwort zu geben auf die Fragen ihrer Zeit. Die Wahl des Matthias und die Bestellung der Diakone machen deutlich, das auch: Auf die lebendige Beziehung mit Jesus kommt es an. Beten ist das Wort dafür. Jesus kennt unser Herz. Wir tun gut daran, uns unsererseits ihm von Herzen und mit ganzem Herzen zuwenden, d.h. mit ganzer Entschiedenheit und Ernsthaftigkeit, mit Zuneigung, Neugier und Offenheit. Beten. Von Herz zu Herz.

Liebe Schwestern und Brüder, nicht erst seit Corona sind wir in Verlegenheit, wie wir denn heute Kirche sein sollen, wie denn das Evangelium Jesu zu den Menschen finden soll.
Das Bistum Trier ist in Verlegenheit. Wie geht es mit der von der Synode angestoßenen Reform weiter?
Die katholische Kirche in Deutschland ist in Verlegenheit. Wie kommt der synodale Weg voran? Müsste man in der Kirche nicht ein neues Amt für die Frauen erfinden? Wie man am Anfang die Diakone erfunden hat? Auf der Amazoniensynode ist man auch mit dieser Verlegenheit umgegangen. Ausgang noch offen.Die ganze Kirche ist in Verlegenheit. Wir mittendrinn. Nicht erst seit Corona.

Herr, du kennst die Herzen aller, zeige uns den Weg.
Gib uns Mut, die Augen zu öffnen.
Gib uns Geduld, zuzuwarten.
Gib uns Einsicht, zu verstehen.
Gib uns das Zutrauen, den ersten Schritt zu gehen.
Gib uns die Ausdauer, auf dem Weg, auf deinem Weg zu bleiben.
Jesus, geh du mit, die Pilgerwege im Herzen.