Liebe Pilgerinnen und Pilger, das Osterfest steht bevor. Im Namen von Abt Ignatius und allen Brüdern sende ich Ihnen und Euch diesen Gruß.

Das Bild zeigt ein Kapitell im Kreuzgang von St. Matthias. Eine Begebenheit aus dem Johannesevangelium ist dargestellt. Pilger, die zum Fest nach Jerusalem ziehen, möchten Jesus sehen. Es sind sogenannte „Gottesfürchtige“, nämlich Nichtjuden, die an Jahwe glauben. Philippus bringt sie zu Jesus (Joh 12,20-24). Jesus gibt diesen Pilgern ein Wort mit, das die Fassung eines Kurzgleichnisses hat: Er meinte damit sein eigenes Leben, das er hingeben wird für alle zur Vergebung der Sünden: die Versöhnung der Menschheit mit Gott, dem Schöpfer. Dadurch wird sein Evangelium die Botschaft vom wahren Leben für alle Völker. Es ist also ein Hoffnungswort, das er den Pilgern mitgab, das sie aber erst nach seiner Auferstehung verstehen konnten. In diesem Kurzgleichnis ist die Lebensdynamik Jesu erfasst. Wir kennen die Worte gut aus jeder heiligen Messe: „ Das ist mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Im Evangelium des Matthiasfestes hören wie seine Deutung: „Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ Es kann sein, dass uns diese Worte so vertraut sind, dass uns die Dramatik des Geschehens und die unvorstellbar starke Kraft der Liebe Jesu aus dem Blick gerät.

Das Wachsen des Weizens bis zur Ähre ist für heutige Vorstellung ein naturhafter Vorgang. Es ist etwas, das bei guter Witterung von selbst passiert. Zur Zeit Jesu war das anders. Im Verständnis Jesu ist es Gott, der wachsen lässt. Ohne dass Gott wirkt, gibt es keine Frucht. Sterben bringt nicht von sich aus neues Leben. Zum vollen Sinn des Gleichnisses gehört also: Sterben hat einen Sinn durch die verheißene Auferweckung, durch das Leben schaffende Wirken Gottes.

Das Gleichnis vom Weizenkorn zeigt uns das Vertrauen Jesu in die Liebe Gottes, des Vaters. Es soll auch unser Vertrauen stärken, Paulus schrieb an die Christen in Rom: „Weder Tod noch Leben können uns trennen von der Liebe Gottes.“

Noch ein weiteres Stichwort ist in diesem Gleichnis verborgen. Um das zu erkennen, müssen wir kurz auf den Weg Jesu schauen. Als er dieses Wort den fremden Pilgern mitgab, war sein gewaltsamer Tod nicht mehr fern. Es hätte bei seinem Wirken als Messias auch anders kommen können. Die Geschichte wäre anders verlaufen, wenn das Volk und die führenden Kreise Jesus und seine Botschaft angenommen hätten. Dadurch dass die Gruppe um die Hohenpriester Jesus kreuzigen ließ, wurde aber seine Sendung als Messias nicht um ihre Wirkung gebracht. Denn Jesus machte durch sein messianisches Wort seine Ermordung zu dem erwähnten universalen Heilsgeschehen. Dazu musste er jedoch selbst seine Erwartung preisgeben, dass Gott durch ihn in nächster Zukunft alle Verheißungen der Propheten erfüllt, nämlich die Vollendung der Schöpfung und das Kommen des Reiches Gottes in seiner ganzen Fülle und Herrlichkeit. Diese Erwartung musste Jesus loslassen.

Das Bildwort vom Sterben des Weizenkorns enthält also auch die Ermutigung zum Loslassen, hier in erster Linie von Vorstellungen und Erwartungen. Das war für die Pilger von damals von Bedeutung und ist es für Pilger von heute. Wir leben – auch abgesehen von der Corona-Krise – in einer Zeit weitreichender Veränderungen in den Lebensverhältnissen des Menschen. Das wirkt sich auf das Leben des Einzelnen aus und auf die Gemeinschaft der Kirche. Wenn wir dann die Lebensdynamik Jesu übernehmen, geht es nicht ohne Loslassen. Das könnten wir ohne Furcht tun. Denn für das Frucht bringen, für die Bewältigung der mannigfachen Krisen, ist das Leben schaffende Wirken Gottes entscheidend. Dafür tritt Jesus selbst ein, auferweckt von den Toten und erhöht zum Vater. Er lässt uns nicht allein. Diese Verheißung ist uns durch die Apostel überliefert, und ihre Erfüllung ist durch unzählbar viele Menschen bestätigt.

Liebe Pilgerinnen und Pilger! Das Osterfest fällt auch in diesem Jahr nicht aus. Es wird anders als sonst gefeiert. Vieles, was zum Fest gehört, findet nicht statt. Doch alle, denen an der Gemeinschaft mit Jesus liegt und die sich ihm nach ihren Möglichkeiten zuwenden, können gewiss sein: Er gewährt ihnen seine verborgene Gegenwart und stärkt sie durch die Gabe seines Friedens, die Kraft zum Leben ist.

Abt Ignatius und wir Brüder in unserer Gemeinschaft sind bei der Feier des Osterfestes mit Ihnen und Euch und allen Verehrern des Apostel Matthias verbunden im Vertrauen, dass dessen Botschaft gilt: Jesus lässt uns nicht aus seiner Freundschaft herausfallen.

Er gewähre uns ein Wiedersehen in besseren Zeiten.

Bruder Athanasius