Das Kapitell vom Guten Hirten

Im Kreuzgang der Benediktinerabtei St. Matthias gibt es unter den Kapitellen, die von Willi Hahn gestaltet wurden, eine Darstellung des Guten Hirten. Das Gegenstück zu der neutestamentlichen Darstellung ist der alttestamentliche Mose mit den Gesetzestafeln.

 

Mose, der Gesetzgeber des Alten Testamentes, mit den beiden Gesetzestafeln (Ex 20,1ff)

Auf der alttestamentlichen Seite des Kapitells steht Mose, der Gesetzgeber des Alten Testamentes, in überragender Gestalt, die die ganze Höhe des Kapitells einnimmt. Seine Füße stehen auf den beiden Rundungen, der durch die Doppelsäule entstandenen Form des Kapitells, während sein Kopf bis zur Kämpferplatte empor-ragt. Mose trägt ein langes, in Falten fallendes Gewand, das durch einen Gürtel gehalten ist. In gleicher Übergröße sind auch die Gesetzestafeln, die er zur Rechten und zur Linken manifestiert. Sie stehen ebenfalls auf den Profilrundungen über den Säulen und ragen bis über seine Hüften empor. Die Gebote sind nicht wie gewohnt gegliedert in drei und sieben, sondern auf  jeder der beiden Tafeln fünf. Diese Gebote und ihre Einhaltung sind die Grundlage für das Zusammenleben und den Fortbestand des Volkes Israel.

 

 Jesus der gute Hirte, der Gesetzgeber des Neuen Testamentes (Gal 4,21-31)

Auf der Gegenseite, der neutestamentlichen Seite, beherrscht Christus, der gute Hirte, das Geschehen. Er nimmt ebenso wie Mose in majestätischer Erhabenheit die ganze Höhe des Kapitells ein. Die Füße stehen auf den beiden Rundungen der Doppel-säule, sein Kopf berührt ebenfalls den oberen Rand des Kapitells unterhalb der Kämpferplatte. In der rechten Hand hält Christus den Hirtenstab, (ursprünglich war es wahrscheinlich der Kreuzstab, der Kreuz-balken scheint ausgebrochen zu sein, und die Stelle ist schlecht ausgebessert), im linken Arm trägt er ein Lamm. Auf den beiden Flächen rechts und links neben dem Guten Hirten je zwei Schafe, wobei das linke obere durch Hörner als Bock zu erkennen ist. In der antiken vorchristlichen Kunst ist die Hirtengestalt ein Bild der Humanitas, der Menschlichkeit, der liebenden Fürsorge für die dem Hirten anvertraute Herde. Dieses Bild haben die Christen übernommen und auf Jesus übertragen. Er hat sich selbst im Johannesevangelium als der Gute Hirt bezeichnet, der sich um ALLE, auch um die, die sich selbst außerhalb des Gesetzes gestellt haben, um die Verirrten, in Liebe und Geduld sorgt. Der gute Hirte ist gekommen, damit alle das Leben haben, ja es in Fülle haben. Christus trägt in seiner Liebe auch die Verirrten zurück in seine Herde, die das Volk Gottes ist.

Gott gab durch Mose den aus Ägypten  befreiten Israeliten in der Wüste durch das Gesetz eine Lebensordnung, die dem Volk und dem Einzelnen innerhalb dieser Ordnung ein Überleben sicherte. Jeder, der aus dieser Ordnung ausbrach, sich von ihr entfernte, der entfernte sich auch aus dem Volk Gottes und stand nicht in der Heilszusage, die dem Volk gegeben war. Die Urgemeinde in Jerusalem, die in ihren Anfängen in das Judentum eingebunden war, musste sich spätestens mit dieser Frage auseinandersetzen, als die ersten Heiden (Griechen) in die Kirche eintraten. Durch die Vision des Petrus, die zur Taufe des Hauptmann Kornelius führte, waren eigentlich die Weichen gestellt, dass die Heiden auch ohne die Beschneidung (ohne den jüdischen Glauben anzunehmen) getauft werden konnten. Denn Gott sieht nicht auf die Person, sondern ihm ist in jedem Volk willkommen, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist. (Apg 10,34) Der Galaterbrief ist der Hintergrund dieses Kapitells. Paulus musste vor der dortigen Gemeinde den Schritt der Kirche rechtfertigen, den Getauften die Freiheit vom Gesetz zu gewähren, denn immer wieder gab es Versuche, die Getauften unter das alttestamentliche Gesetz zu stellen und die Weisungen der Apostel aufzuheben. Äußere Zeichen wie Beschneidung oder Einhalten von Ritualen und Speisevorschriften sind dem Christentum fremd; der Christ ist durch die Taufe in den Leib Christi eingegliedert. Christus, der Gute Hirte, geht auch denen nach, die sich außerhalb dieser Ordnung stellen. Der Gute Hirt, der sein Leben für die Seinen hingegeben hat, geht jedem nach und holt ihn heim, damit nichts von dem, was der Vater ihm gab, verloren geht, sondern in die Fülle des Lebens eingeht.

Das Gesetz wurde durch Mose gegeben,
die Gnade und Wahrheit kam durch Jesus Christus.
(Joh 1,17)