"Weihnachtsfriede"

„Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lukas 2,13)

Jedes Jahr wieder hören wir diesen frohen weihnachtlichen Jubel der Engel bei den Hirten auf dem Felde. Die Geburt Jesu Christi ist es, die den Ruf der Engel „Friede auf Erden“ auf den Plan gerufen hat. Denn er ist der „Friedefürst“ den schon der Prophet Jesaja (Jes. 9,6) vorwegverkündigt hat und dessen Geburt wir zur Weihnacht feiern. Für uns ist er als Ausdruck der Liebe Gottes auf die Welt gekommen. Die Menschen des Wohlgefallens Gottes sind also wir alle.
Aber was hat es nun mit diesem Frieden auf Erden auf sich? Wir sehnen uns zwar so sehr nach ihm. Aber wo ist er denn  –  heute, in einer Zeit, in der noch immer Menschen verhungern, Millionen von Menschen auf der Flucht sind, Kriege und Bürgerkriege wüten, der „Weltfriede“ dank vieler internationaler Spannungen und autokratischer Herrscher stark gefährdet ist und auch innergesellschaftlich Spaltungen drohen, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu unterminieren? All das Friedlose in der Welt hat auch der Friedefürst Jesus Christus nicht verhindert. Wenn „Friede auf Erden“ eine Zustandsbezeichnung der Welt sein soll, dann stimmt sie nicht und hat nicht gestimmt, damals nicht, und heute nicht. Aber was ist es dann, was die Engel verkünden?

„Frieden auf Erden“ ist zunächst einmal das programmatische Gegenmodell Jesu gegen Unfriede, Hass und Krieg. Jesus hat in seinem Leben vorgelebt, dass und wie im Hören auf und im Glauben an Gott Frieden möglich ist. Jesus, der Friedefürst, der mit seinem Eingang in unsere Welt und seinem irdischen Leben sein Heilswerk für uns begonnen hat, hat es aber noch nicht vollendet. Noch ist nicht überall Friede, Zustand ohne jedes Unheil. Das können wir beklagen. Aber die Verkündigung „Friede auf Erden“ ist eben keine Gegenwartsbeschreibung, sondern ein Versprechen, ein Ausblick weit in die Zukunft hinein mit Blick auf die Vollendung der Welt am Ende der Zeit durch Gott und seinen Sohn. An allen uns und unsere Welt so belastenden Unfrieden, alle Gewalt und allen Krieg ist bereits die Axt angelegt. Denn all das gehört zum Vorläufigen. Am Ende steht der umfassende Friede, der Einklang mit sich selbst, mit den Mitmenschen, mit der ganzen Schöpfung und mit Gott. Das ist es, was die Engel verkünden als „Frieden auf Erden“. Dieser Friede wird gewiss kommen, das verheißen die Engel. Dabei wollen sie uns aber nicht auf eine ungewisse Zukunft vertrösten. Denn dadurch dass sie die Sehnsucht nach solchem Frieden wachhalten, geben sie den Menschen zugleich einen Ansporn, Spuren dieses Friedens in unserem Leben einerseits schon jetzt zu suchen, aber andererseits auch selbst schon Anteile davon zu verwirklichen. Darum ist „Friede auf Erden“ kein leerer Wunsch, keine Illusion und keine Vertröstung. Vielmehr schwingt in dem Ruf „Friede auf Erden“ vieles mit: Er ist Ausdruck menschlicher Sehnsucht überhaupt, eine Art Motto des irdischen Lebens Jesu Christi, Prophezeiung für eine Zukunft, in der alles nach Gottes Willen geschehen wird, und zugleich Orientierung für unser Leben, nach Frieden zu suchen und ihn zu schaffen, wo immer wir es können.

Es ist aber nicht allein vom „Frieden auf Erden“ die Rede. Die Engel verkünden ihn zusammen mit: „Ehre sei Gott in der Höhe“. Denn beides gehört zusammen: Wo immer Gott geehrt wird, da ist diese Ehrung nicht glaubwürdig, wenn nicht auch versucht wird, immer wieder nach dem Leitspruch zu leben: „Suche den Frieden und jage ihm nach“ (Psalm 34,15). Und wo immer Frieden gesucht, gehofft und gelebt wird, da wird zugleich Gott geehrt. Denn wahrer und vollkommener Friede ist das, wozu Gott  –  ihm zur Ehre und uns zum Besten  –  uns bestimmt hat und was er daher mit seinem Sohn auch verwirklichen will und wird.
Und so will die Verkündigung der Engel auch dieses Jahr zur Weihnacht wieder einen Keim des Friedens in uns setzen, einen Keim, der in uns wächst und gedeiht als Hoffnung auf Frieden, Willen zum Frieden und Handeln in Frieden sowie als Vorzeichen für die Vollendung des Friedens in der Zukunft in einer endgültig und gänzlich heilvollen von Gott bestimmten Welt. Wollen wir uns deshalb von Herzen freuen und in den Jubel der Engel einstimmen:
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!

Pfarrer Dr. Michael Benedetti