1750 Jahre christliche Gemeinde

Zur Geschichte des Beringes der Abtei St. Eucharius – St. Matthias
Gewiss böte der Bering aus der Maulwurfsperspektive einen sehr aufschlußreichen Blick in die Geschichte des Ortes – man denke nur an die noch nicht durch Ausgrabungen erforschte Bereiche – doch scheint für einen ersten Überblick die Vogelperspektive geeigneter. Die Kirche mit ihrer mächtigen Baumasse und dem markanten Westbau bildet das Zentrum der gesamten Anlage. Sie beherbergt die Gräber der Bischöfe Eucharius und Valerius und des Apostels Matthias, die dem Ort den Namen geben. Immer wieder hat sich die äußere Gestalt gewandelt, unzählige Menschen hat der Ort kommen und gehen sehen, doch gibt es in allem Wandel einen roten Faden, der die Anfänge mit dem Heute verbindet: die kontinuierliche Existenz einer christlichen Gemeinde an diesem Ort.

Steinernes Monument und Versammlungsort dieser Gemeinde ist die Kirche. Sie bildet den Mittelpunkt dessen, was wir heute als den „Bering“ bezeichnen: er umfaßt den Freihof vor der Kirche mit dem Gerichtshaus, nördlich davon das Pfarrhaus, das Pfarrzentrum und den Friedhof, südlich der Kirche das Konventsgebäude, auch Quadrum genannt, das Pfortengebäude mit dem Gästehaus und dem Klosterladen, das Park- und Gartengelände mit der weiteren Bebauung.

Von der wechselhaften Geschichte des Ortes und der Menschen, die ihn prägten soll hier die Rede sein.

Krypta mit Gräbern von Eucharius und Valerius. Die Grabgruft mit Sarkophag der Albana
Krypta mit Gräbern von Eucharius und Valerius.Die Grabgruft mit Sarkophag der Albana

Von den Anfängen bis ins 10. Jahrhundert

In vielen römischen Städten der Spätantike bildeten sich die ersten christlichen Zentren vor den Stadtmauern, an den Gräbern der Märtyrer oder der als Gründer verehrten Heiligen. Ein frühes Zeugnis für die Existenz eines solchen Ortes in Trier ist die überlieferte Bauinschrift des Bischofs Cyrillus aus der Mitte des 5. Jahrhunderts.

QUAM BENE CONCORDES DIUINA POTENTIA IUNGIT
MEMBRA SACERDOTUM, QUAE ORNAT, LOCUS ISTE DUORUM.
EUCHARIUM LOQUITUR VALERIUMQUE SIMUL.
SEDEM UICTURIS GAUDENS COMPONERE MEMBRIS,
FRATRIBUS HOC SANCTIS PONENS ALTARE, CYRILLUS
CORPORIS HOSPITIUM, SANCTUS METATOR, ADORNAT.

Sie berichtet uns von einer Altarweihe zu Ehren der Hll. Eucharius und Valerius, die als Begründer der Trierer Diözese verehrt werden, und von Bischof Cyrillus, der diese Weihe vornahm und sich später auch hier bestatten ließ. Reste der Chorschranken der Kirche aus dieser Zeit sind an den Bischofsgräbern und am Sakramentsaltar unserer Basilika zu sehen. Als Zeit des Lebens und Wirkens der Gründerbischöfe wird die zweite Hälfte des 3. Jahrhunderts angenommen. Einer später schriftlich gefaßten Legende zufolge haben sie bei ihrer Ankunft in Trier Kontakt zu einer Witwe Albana bekommen, in deren Haus sie dann lebten und sich die erste christliche Gemeinde versammelte. Ein Reliefsarkophag aus dem ersten Viertel des 3. Jahrhunderts, der in einer römischen Grabgruft auf dem Friedhof zu sehen ist, gilt als Grabstätte der Albana und ihres Mannes und ist ein weiteres Zeugnis für die frühe Zeit.
Diese „Albanagruft“ ist Teil des großen Gräberfeldes, das sich seit dem 1. Jahrhundert außerhalb der antiken Stadtmauer entwickelte. Hier, an den Gräbern der Gründerbischöfe, siedelte sich – vielleicht schon im 4. Jahrhundert- eine Gemeinschaft von Mönchen oder Klerikern an, die fortan die Entwicklung des Ortes miterlebte und mitgestaltete. Vermutlich wurde schon in dieser frühen Zeit das Gelände direkt um die Kirche erworben. Aus dem achten Jahrhundert sind Grundbesitzstiftungen überliefert, die halfen, den Lebensunterhalt der Gemeinschaft zu sichern.
In dieser Zeit wird Eucharius als Patron der Kirche genannt. Erst im 12. Jahrhundert tritt ihm der Apostel Matthias an die Seite.
Hatte die Stadt Trier nach dem Abzug der Römer im 5. Jahrhundert bereits unter Eroberungen durch die Germanen zu leiden, kam es im Zuge des Normanneneinfalles im Jahr 882 wiederum zu starken Zerstörungen, von denen sich Stadt und Land nur langsam erholten.

Eine Ansicht um 1649, nach Stich von Merian. Altarraum u. Chor mit Matthiasaltar von 1927 und neugotischem Hochaltar von 1909.
Ansicht um 1649, nach Stich von Merian. Altarraum u. Chor mit Matthiasaltar von 1927 und neugotischem Hochaltar von 1909.

Der Beginn der benediktinischen Zeit

Die bestehende Gemeinschaft übernahm um 977 die Benediktsregel und erhielt zur Unterstützung einen Abt aus Gent. Über die Verfassung und Zusammensetzung der Gemeinschaft vor dieser Zeit gibt es nur spärliche Hinweise. Nun begann das Leben „unter Regel und Abt“ und die Gemeinschaft bestand als benediktinische Abtei bis 1802.

Bereits seit den spätantiken Ursprüngen war die Gemeinschaft dem Bischof und späteren Erzbischof von Trier unterstellt und blieb dies auch bis zu ihrer Aufhebung. Die Förderung, aber auch die Eingriffe von dieser Seite geschahen meist zum Wohle des Konventes, doch dienten sie auch der Aufwertung des Trierer Bischofssitzes.
Ende des 10. Jahrhunderts entstand anstelle des sehr verfallenen Gebäudes ein Neubau, die sogenannte „Egbert-Kirche“ (Erzbischof Egbert 977-993). Der westliche Teil der Krypta mit seinem einfachen Gewölbe und den vermutlich antiken Marmorteilen in den Säulen geht auf diese Zeit zurück.

Wirtschaftliche Grundlage und erste Blüte

In den folgenden Jahrhunderten mehrten sich Schenkungen und Stiftungen und ergänzten den vor 1000 erworbenen Besitz. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts war die grundlegende Struktur des Besitzes erreicht, der Wohlstand und Einkommen der folgenden Jahrhunderte sichern sollte. Entsprechend der mittelalterlichen Wirtschaftsordnung handelte es sich dabei um ein verwirrendes Geflecht von Rechten und Pflichten in den Grundherrschaften und den unterschiedlichsten Lehens- und Fronformen. Der ausgedehnte Besitz erstreckte sich von Etain in Lothringen bis Villmar an der Lahn in südwestlich – nordöstlicher Richtung etwa dem Mosel- und Lahntal entlang; die Abtei selbst nahm darin ungefähr die Mitte ein. Wurde der Besitz in den folgenden Jahrhunderten auch immer wieder neuorganisiert und bedurfte es häufig der Sicherung gegen Übergriffe von Seiten anderer, so blieb die feudale Grundstruktur doch bis zur Aufhebung bestehen.
Der umfangreiche Besitz und die aus ihm erworbenen Einkünfte bildeten die wirtschaftliche Grundlage für ein geistliches und kulturelles Aufblühen des Klosters. Neben dem bereits erwähnten Neubau der Kirche äußerte sich diese Blüte in Baumaßnahmen am Kloster, in einer stets wachsenden Bibliothek, einer reichen Ausstattung der Sakristei und einer beginnenden literarischen Tätigkeit. So entstand u.a. das Historienwerk der „Gesta Treverorum“ („Die Taten der Trierer“), die in einer ersten Fassung um 1100 vorlag und bis heute ein wichtiges Studienobjekt für die Trierer Geschichte darstellt.

Durch Gründungen und gegenseitige Hilfeleistungen bildeten sich lockere Klosterverbände. Stand die Abtei zunächst stärker den regional gebundenen Klöstern in Trier und Lothringen nahe, gelangte sie Anfang des 12. Jahrhunderts unter hirsauischen Einfluss, einer überregionalen Reformbewegung innerhalb des Ordens (benannt nach der Abtei Hirsau im Schwarzwald).

Kirchbau im 12. Jahrhundert und Beginn der Matthiasverehrung

In die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert der Bau der noch heute bestehenden Kirche. Ein direkter Anlass zum Neubau ist uns nicht überliefert, doch stand er sicher im Zusammenhang mit bischöflichen Baumaßnahmen, die etwa gleichzeitig am Dom und am Simeonstift durchgeführt wurden.
Im Jahr 1127 werden bei Abrissarbeiten am Vorgängerbau Reliquien des Apostels Matthias entdeckt. Die mittelalterliche Klosterüberlieferung weiß zwar schon von einer ersten Auffindung um 1050 zu berichten, doch verbreitet sich die Kenntnis davon erst jetzt. Sogleich setzt ein Pilgerstrom ein, dessen Einzugsgebiet sich von der Nordsee bis zu den Alpen erstreckt. Von da an nimmt das Kloster allmählich im Volksmund den Namen „St. Matthias“ an. Die neue Kirche, von ihrer Vorgeschichte her Grabkirche des hl. Eucharius und Mönchskirche, erhält nun auch den Charakter einer Wallfahrtskirche. Die Wallfahrt ist bis heute lebendig. Im Laufe der Jahrhunderte bildeten sich immer neue Wallfahrtsgruppen und Bruderschaften. Derzeit kommen etwa 140 Pilgergruppen zu Fuß nach Trier.
Die Weihe der noch unvollendeten Kirche durch Papst Eugen III. bei seinem Trierer Aufenthalt im Jahre 1148 bezeichnet einen Höhepunkt der Klostergeschichte, wie denn das 12. Jahrhundert auch sonst für die Abtei eine glanzvolle Zeit bedeutet. Alte Besitzrechte und auch die gerade aufkeimende Matthiasverehrung erfahren durch Papst Eugen III. eine Bestätigung. Die Äbte werden zur Mitarbeit an bischöflichen Aufgaben herangezogen. Hierzu zählen u.a. Durchführung von Reformen und Regelung der geistlichen und wirtschaftlichen Belange von Nonnenklöstern, z.B. Marienberg bei Boppard. Das Skriptorium des Klosters zeigt eine rege Tätigkeit. Die hl. Hildegard von Bingen steht im Briefwechsel mit der Gemeinschaft.
Die lange Regierung des Abtes Jakob von Lothringen (1211-1257) schließt die mittelalterliche Blütezeit des Klosters ab. Er wird von Papst Honorius III. in die zentralen Reformbemühungen für die Benediktiner, die vom 4. Laterankonzil ausgingen, einbezogen und mit dem Abt von St. Aper in Toul und zwei Zisterzienseräbten in den Vorsitz des Äbtekapitels der Trierischen Kirchenprovinz berufen. Für die Abtei selbst wirkt sich dies bis heute sichtbar in dem frühgotischen Klosterbau aus, der stark von der Bauweise der Zisterzienser beeinflusst ist. Erhalten sind aus dieser Zeit der Kreuzgang und der gesamte Ostflügel des Quadrums: die heutige Sakristei, der Kapitelsaal, das Refektorium und das dreischiffige Dormitorium. In dieser Zeit entstehen auch das Kreuzreliquiar, die Marienkapelle und die Quirinuskapelle auf dem Friedhof.
Um 1300 kommt es zwischen Abtei und Erzbischof zu Streitigkeiten um die Besetzung des Abtsamtes in St. Matthias. Diese werden später beigelegt und das Verhältnis verbessert sich wieder. Innere und äußere Ruhe tragen zur Konsolidierung und zum Wohlstand der Gemeinschaft bei, und es stellt sich eine Neigung zu äußerer Prachtentfaltung ein.

Reform im Vorfeld der Reformation, Johannes Rode

Die benediktinischen Reformbemühungen des Konstanzer Konzils wirken sich 1421 aus, als Erzbischof Otto von Ziegenhain den Kartäuserprior Johannes Rode, ehemals Offizial des Oberstiftes – wir würden heute sagen: Generalvikar -, mit päpstlicher Erlaubnis als Abt in St. Matthias einsetzt (1421-1439). In zäher Arbeit erneuert er nicht nur die eigene Abtei wirtschaftlich und geistlich, sondern reformiert auch in bischöflichem Auftrag und später als Generalvisitator des Baseler Konzils die übrigen Trierer Abteien und etliche andere. Die von ihm verfassten Statuten für St. Matthias, also eine Lebensordnung für die Klostergemeinschaft gemäß der Regel des Hl. Benedikt, werden auch in anderen Klöstern befolgt und wirken nach seinem Tode weiter. Der Versuch einer eigenen Kongregationsbildung um St. Matthias unter seinem Nachfolger misslingt, und spätestens 1458 ist St. Matthias Mitglied der Bursfelder Kongregation (gegründet 1446), die Elemente der Rode’schen Konstitutionen übernahm.
An der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert zeigt sich eine rege Bautätigkeit. Das romanische Gewölbe der Kirche wird durch ein Netzgewölbe mit einem reichen ikonographischen Programm von Schlusssteinen ersetzt. Es entsteht die Apsis mit den drei hohen Maßwerkfenstern und einer zeitgenössischen Verglasung, deren letzter Rest das erhaltene Kreuzfenster ist. Auch das Matthiasgrab erhält eine neue Anlage, deren Hauptfigur, ein liegender Hl. Matthias seit 1967 wieder seine Grablege bezeichnet.
Bis in den Beginn des 16. Jahrhunderts sind ein guter Stand des wissenschaftlichen Lebens und rege Beziehungen zur 1473 gegründeten Trierer Universität und zum rheinischen Humanismus zu beobachten. Gegen die Mitte des Jahrhunderts lässt das wissenschaftliche Streben nach. Die Reformation, die in anderen Gegenden des Reiches große Umbrüche auslöst, hinterlässt kaum Spuren in der Klostergeschichte.

Soziale Strukturen

Wie viele der alten Klöster setzte sich der Konvent über Jahrhunderte zum größten Teil aus Adeligen zusammen, in St. Matthias meist aus Mitgliedern des niederen Adels. Erst nach der Rodeschen Erneuerung ist die Abtei kein ausgeprägtes Adelskloster mehr und der bürgerliche Einfluss nimmt mehr und mehr zu. Die Herkunft des Nachwuchses verschiebt sich in dieser Zeit vom lothringisch-rheinischen Raum mehr auf das rheinisch-niederländische Gebiet. Im 17. und 18. erscheinen eine Anzahl Söhne aus reichen Bauerngeschlechtern der näheren Umgebung in den Konvents- und Abtslisten.
Die Anzahl der Konventualen zeigt über die Jahrhunderte hinweg große Schwankungen. In den Zeiten wirtschaftlicher und geistiger Blüte sind es bis zu 50, durch Seuchen und Kriegswirren werden sie zeitweise auf 10 Mönche dezimiert. Im Durchschnitt sind es immer etwa 30 Mönche. Bis ins 15. Jahrhundert sind zum Konvent noch Mitglieder zu zählen, die in einer etwas gemäßigteren Form der Zugehörigkeit mitleben (Konversen und Donaten).
Zur „familia“ des Klosters zählen auch das Gesinde und die Leute in den Grundherrschaften. Die Leibeigenschaft verschwindet im Laufe des 17. und 18. Jahrhundert, gegenseitige Rechte und Pflichten bleiben allerdings bestehen.
Als Bild für die sozialen Strukturen, bietet sich ein Kreismodell an, dessen Mittelpunkt der Konvent bildet. Um diesen herum sind verschiedene Formen der Zugehörigkeit und Abhängigkeit angesiedelt. In dieses Kreismodell gehören auch die Stifter und Wohltäter. Für die frühe Zeit und besonders das 11. Jahrhundert wurden bereits Stiftungen von adeliger und bischöflicher Seite erwähnt. Diese und andere Schenkungen waren allerdings meistens mit Verpflichtungen verbunden: entweder mit ideellen Verpflichtungen wie Gebet und Fürbitte zugunsten des Seelenheils des Stifters oder handfesten wie Stellung von Wohnung, Unterhalt und geistliche Betreuung durch die Abtei. In einer Zeit ohne Sozial- und Lebensversicherung war dies eine weitverbreitet Praxis.
Zu erwähnen ist noch das „Nikolaus-Hospital“ und das Leprosenhaus „Estricher Hof“. Letzterer lag südlich der Abtei an der Stelle des heutigen Gasthauses gleichen Namens und diente der Aufnahme unheilbar Kranker. Das „Nikolaus-Hospital“ lag nördlich des Freihofes zwischen dem heutigen Pfarrhaus und der Kirche. Es handelte sich um eine Stiftung zugunsten armer und alter Menschen. In der Säkularisation wurde der Besitz der beiden Häuser in die Stiftung der „Vereinigten Hospizien“ übernommen.
Die Zuständigkeiten innerhalb des Konventes waren gemäß der Benediktsregel auf verschiedene Dienste und Aufgabenbereiche verteilt. Der Abt nahm dabei eine herausgehobene Stellung ein, die vereinzelt zu einer Entfremdung vom Konvent und absolutistischen Tendenzen führte. Als äußeres Zeichen dieser Entwicklung tauchen besonders im 17. und 18. Jahrhundert vermehrt die Wappen der Äbte an zeitgenössischen Baumaßnahmen auf, z.B.: an den Portalen der Kirche oder an der Empore.

Das 17. und 18. Jahrhundert

Wie im Jahre 1552 durch den Raubzug des Markgrafen Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach, so wird St. Matthias auch im 17. Jahrhundert durch den 30jährigen Krieg und später durch die Franzosenkriege sehr mitgenommen.
An der erst sehr bescheidenen, aber zur Jahrhundertwende hin wachsenden und im 18. Jahrhundert erheblichen Unternehmungslust auf baulichem und künstlerischem Gebiet zeigt sich eine Festigung des klösterlichen Wirtschaftslebens. In dieser Zeit entstanden die barocken Portalvorbauten der Kirche. Nach einem Brand im Jahre 1783, die die Kirche ihrer Dächer und Turmhelme beraubte, erhielten die Türme durch eine klassizistische Bekrönung ihre von nun an charakteristische Gestalt. Der Innenraum wird mit Arbeiten in Holz und Marmor aufwendig ausgestattet. Die wissenschaftliche Betätigung in diesem Zeitraum wird durch die Verbindung mit der Trierer Universität angeregt – die Äbte erscheinen häufig als Rektoren -, und erstreckt sich neben pastoral-praktischer und monastischer Zielsetzung vor allem auf die Hausgeschichte, bleibt aber insgesamt in bescheidenem Rahmen. Einige Mönche sind in anderen Klöstern der Bursfelder Kongregation als Lehrer tätig.

Die Aufhebung des Klosters 1802

Schon seit der Jahrhundertmitte kommt es zu Schwierigkeiten zwischen Abt und Konvent. Abt Andreas Welter wird 1783 bei einer Visitation seines Amtes enthoben und lebt von da an meist in der Propstei Benrath. Die Leitung der Abtei liegt bis zur Aufhebung beim Prior. Ein zentralistischer Säkularisationsplan, der vom Bistum ausgeht und einer pastoralen Neuordnung unter Einbeziehung der Ordensgeistlichen dienen soll, kommt nicht zur Durchführung. In der französischen Revolution nehmen die Mönche nach anfänglicher Flucht (1794) das gemeinsame Leben im heutigen Pfarrhaus wieder auf, bis 1802 der endgültige Schlussstrich unter das Ordensleben auf dem linken Rheinufer gezogen wird.
Aller Besitz und das Inventar werden ‚unter die Hand der Nation gestellt‘. Bei den anschließenden Verkäufen ersteigert der Kaufmann Christoph Philipp Nell das Quadrum mit den anschließenden Gebäuden und einen Großteil des alten Grundbesitzes. Auch der Platz vor der Kirche wird durch eine Mauer geteilt, der nördliche Teil fällt an die Pfarrei, der südliche gehört zum Nell’schen Besitz. Das Haus wird in der Folgezeit zur einen Hälfte als Wohnhaus zur anderen Hälfte für landwirtschaftliche Zwecke genutzt und bleibt so weitestgehend erhalten. Die Mönche beziehen vom Staat eine kleine Rente und wenden sich größtenteils anderen Aufgaben zu. Der letzte Mönch stirbt 1837.

Pfarrhaus vor dem Umbau 1922
Pfarrhaus vor dem Umbau 1922

Die Gründung der Pfarrei

Im Zuge Neuorganisation der Diözese Trier nach 1802 wurden die Bezirke der beiden uralten Pfarreien St. Medard und St. German zur neuen Pfarrei St. Matthias zusammengefasst. Die bisherige Abteikirche wurde zur Pfarrkirche umgewidmet, das bisherige Gasthaus des Klosters zum Pfarrhaus gemacht. Die beiden alten Kirchen wurden in der Folgezeit abgerissen bzw. zum Wohnhaus umgebaut. Hatte der letzte Prior Hubert Becker schon vorher die Auflösung des Klosters in geregelte Bahnen leiten können, galt sein Engagement als erster Pfarrer von St. Matthias (seit 1803) der Weitergabe des alten Erbes und der Konsolidierung der neuen Pfarrei. Sein erster Kaplan und späterer Nachfolger (ab 1809) wurde der tatkräftige Victor Joseph Dewora.
Durch die wachsende Pfarrgemeinde veranlasst, wurde um 1840 eine erste eingreifende Umgestaltung der Kirche vorgenommen. Das Matthiasgrab, das seit dem 12. Jahrhundert immer in der Mitte der Kirche gestanden hatte -wo es sich auch seit 1927 wieder befindet- wurde in den Hochchor verlegt und die Krypta um zwei Joche auf das heutige Maß verkürzt.
Das Erbe des alten Klosters war für die arme Gemeinde von St. Matthias zwar groß und ehrwürdig, aber zugleich – und je länger, je mehr – eine schwere Last. Seit 1840 waren wiederholt Pläne zu durchgreifenden Restaurierungen und zur Umgestaltung der Kirche ausgearbeitet worden, die aber – wohl wegen Geldmangels – niemals zur Ausführung gelangten. Erst Ende des 19. Jahrhunderts sollte sich die Lage bessern.
Im Jahre 1885 wurde Hubert Stein Pfarrer von St. Matthias. In den folgenden Jahren setzte er sich besonders für die Restaurierung und Ausstattung der Kirche ein. Er kannte und schätzte die neuen benediktinischen Gründungen in Beuron und Maredsous, erzählte ganz begeistert davon und hatte wohl von Anfang an den Wunsch, in St. Matthias wieder ein Benediktinerkloster erstehen zu sehen. Für seine Vorstellungen fand er volle Unterstützung bei Bischof Michael Felix Korum (Bischof von Trier 1881-1921).
Bereits Ende der 1880er Jahre bemühten sie sich um ein Wiederbesiedlung durch Mönche der Beuroner Kongregation, doch kam es nicht dazu, weil Zweifel am wirtschaftlichen Unterhalt der Gemeinschaft und an den Möglichkeiten zum Erwerb der alten Klostergebäude bestanden. Auch Bemühungen in den 1890er Jahren brachten nicht den erhofften Erfolg.
Pfarrer Stein konnte sich zwar noch einen anderen großen Wunsch erfüllen, die Aufstellung eines riesigen neugotischen Flügelaltares, in denen spätgotische Reliefs zu Leben, Passion und Verherrlichung Christi eingearbeitet wurden, doch die Benediktiner sah er nicht mehr zurückkehren. Dies blieb seinem früheren Kaplan und Nachfolger Jakob Treitz (in St. Matthias 1910-1922) vorbehalten. Trotz des gleichzeitigen Kriegsgeschehens wurde in den Jahren 1914 bis 1919 die Kirche restauriert und mit einer neugotischen Ausmalung versehen. Zum Abschluss dieser Arbeiten wurde St. Matthias durch Breve vom 20. März 1920 von Papst Benedikt XV. zu einer ‚Basilica Minor‘ erhoben.

1945 bis heute

Während der Abwesenheit der Mönche war ein Pfarrer in St. Matthias eingesetzt worden, so dass die Mönche nach ihrer Rückkehr nicht direkt die Seelsorge übernehmen konnten. Die unklare Situation zwischen Pfarrei und Abtei belastete die ohnehin in Mitleidenschaft gezogene Gemeinschaft. Verbunden mit der allgemeinen Unruhe und den Sorgen der Nachkriegszeit ergab sich eine Situation, in der ein Großteil der Gemeinschaft zusammen mit Abt Petrus Borne (Abt seit 1947) gerne auf das Angebot einging, die alte Abtei Tholey im damals noch unabhängigen Saargebiet wiederzubesiedeln. Eine kleinere Gruppe widersetzte sich dieser Verlegung der Abtei und blieb in Trier. Prälat Ludwig Kaas (1881-1952), ein geborener „Mattheiser“, bemühte sich in Rom um eine Bestätigung der Rest-Kommunität als Konvent. So entstanden schlussendlich zwei getrennte Gemeinschaften . Die Abtei Tholey verblieb in der Beuroner Kongregation, der Konvent in Trier wurde direkt dem Abtprimas unterstellt. Die Mönche übernahmen 1951 wieder die Seelsorge der Pfarrei St. Matthias.

Es folgen die Jahre des inneren und äußeren Aufbaues. Die Kriegsschäden an Kirche und Haus waren glücklicherweise gering. Das Quadrum wurde einer umfassenden Renovierung unterzogen und für den Gebrauch der Gemeinschaft hergerichtet. In Erinnerung an den Aufenthalt von Kardinal Eugenio Pacelli wurde 1957 das nach ihm benannte Kreuz auf dem Freihof vor der Kirche eingeweiht.

Die 1960er Jahre begannen wenig verheißungsvoll: schon 1958 musste die Kirche wegen Einsturzgefahr geschlossen werden. Die statische Sicherung und Renovierung sollte sich bis 1967 hinziehen, das Dormitorium und der Matthiassaal wurden in dieser Zeit als Notkirchen genutzt.

Im Zuge des Konzils wurde der Einsatz für die Ökumene ein wichtiges Engagement der Gemeinschaft. Im Zusammenhang damit steht die Grundsteinlegung für ein anglikanisches Institut auf dem Gelände der Abtei im Jahr 1964. Zu einer Gründung einer entsprechenden Einrichtung kam es schließlich doch nicht, das Gebäude beherbergt heute Sprechzimmer, Verwaltung und Bibliothek der Abtei.

In den 1960er und 1970er Jahren setzte eine Neuorganisation der Arbeitsbereiche der Gemeinschaft ein. Die Land- und Viehwirtschaft wird eingestellt, die stillgelegten Flächen werden in den kommenden Jahren nach Abschluss von Erbbaupachtverträgen bebaut, u.a. entsteht so Ende der 70er Jahre das „Schammatdorf“. Das seit den 50er Jahren in den Gebäuden nördlich des Freihofes betriebene Jugendwohnheim wird geschlossen. Gleichzeitig werden für die Gäste die Möglichkeiten zur Teilnahme Alltag der Gemeinschaft erweitert: Texthefte für das Chorgebet, gemeinsames Refektorium mit den Gästen, Öffnung des Gästeempfang für Frauen.

Im Zusammenhang der Neuorganisation kommt es 1972 zwischen Pfarrei und Abtei zum Abschluss eines „Pfarrvertrages“, der durch die Regelung der vermögensrechtlichen Belange entscheidend zur Klärung und Beruhigung des Verhältnisses beigetragen hat. Die Gebäude nördlich des Freihofes gelangen in den Besitz der Pfarrei und wird in der Folgezeit zum Pfarrzentrum umgebaut

In der Mitte der achtziger Jahre erfuhr die Kirche eine umfassende Außenrenovierung und erstrahlt seitdem in farbigem Glanz. Ab 1990 wurde in zweijähriger Bauzeit über dem Klosterladen (erbaut Anfang der 50er Jahre) eine neues Gästehaus errichtet. Einige der ersten Gäste, die dort beherbergt wurden, waren 1992 die Teilnehmer des Generalkapitels der Benediktinischen „Kongregation von der Verkündigung“. Unsere Gemeinschaft ist seit 1981 Mitglied dieser Internationalen Kongregation.

Blick in die Zukunft

Die Basilika war Ausgangspunkt diese Tour durch die Jahrhunderte. Gehen ihre Anfänge auf ihre Funktion als Grab- und Mönchskirche zurück kamen im laufe der Zeit die einer Pilger- und Pfarrkirche hinzu. So bilden heute Pfarrgemeindeglieder, Mönche, Pilger in ihrer Vielfalt die Gemeinde, die auf 1750 Jahre ihres Bestehens zurückschaut. Lang und holprig, mit vielen Windungen versehen zeigt er sich, doch ist der Weg nie wirklich abgebrochen.

Der Blick zurück kann uns ermutigen, den nächsten Abschnitt unter die Füße zu nehmen und im Hinblick auf die Herausforderungen, die die Entwicklung in Kirche und Gesellschaft heute stellen, nach der Gestaltung unseres Lebens und des dafür nötigen Raumes zu fragen.

Br. Jakobus Wilhelm OSB