Der Apostel Matthias – 24. Februar

 

 

Der Apostel Matthias hat im Kalendarium im deutschen Sprachraum einen besonderen Platz: 24. Februar. Im allgemeinen Kalendarium der Römisch-katholischen Kirche wurde sein Tag bei der Liturgiereform auf den 15. Mai gelegt. Diese Besonderheit hat seinen Grund in der Verehrung des Apostels in Trier seit dem 11. Jh.: das einzige Apostelgrab nördlich der Alpen, wie man früher sagte.

Der Evangelist Lukas berichtet im 1. Kapitel der Apostelgeschichte von der Nachwahl eines Apostels, um den Zwölferkreis wieder herzustellen (Apg 1,15-26). Matthias war einer der beiden Kandidaten für die Wahl.

 

Grundlage der Verehrung

 

Wer den Apostel Matthias verehrt, ist auf den Bericht von seiner Wahl verwiesen. Dem Evangelisten Lukas lag eine sehr alte Überlieferung von diesem Ereignis vor. Dass eine solche Wahl tatsächlich stattgefunden hat, kann nicht ernsthaft bezweifelt werden. Denn später, zum Beispiel nach der Hinrichtung des Jakobus, wurde der Zwölferkreis nicht mehr ergänzt. Zudem zeigt Lukas an der Person des Matthias im weiteren Fortgang der Apostelgeschichte kein Interesse. Wir haben es also hier nach Meinung der meisten Exegeten mit einer zuverlässigen Nachricht zu tun.

Die Erwähnung des Judas Iskariot ist für Lukas ein Anlass, eine Nachricht über den Tod des Judas einzufügen (Apg 1,18-20a). Über ihn waren mehrere Erzählungen in Umlauf, die nicht in Übereinstimmung gebracht werden können. Die Einfügung gibt dem Bericht eine dramatische Note.

 

Lukas gibt dem Text der Überlieferung eine solche Fassung, dass mit ihm eine Botschaft verbunden ist, die es wahrzunehme gilt. Die Geschichten der Evangelien, seien es Erzählungen oder Gleichnisse, haben bekanntlich generell diese Eigenschaft. Sie sind zur Belehrung geschrieben, und zwar in einer Art und Weise, wie es im Judentum Brauch war. Dabei wird etwas erzählt, das zwar an ein Ereignis anknüpft; aber es wird so erzählt, dass die Hörer durch das Geschehen etwas lernen können über das Handeln Gottes oder über das Volk Gottes oder über das Leben des einzelnen Glaubenden. Entscheidend dabei ist, dass der Hörer bzw. der Leser sich auf die Suche nach diesen Sinnvarianten macht. So werden Menschen unterschiedlicher Bildung miteinander angesprochen. Es ist Heilige Schrift; denn das Denken der Hörer wird auf Gott hin ausgerichtet.

 

Der Bericht von der Wahl des Apostels enthält zahlreiche Stichworte, die für eine solche Auslegung von Bedeutung sind. Auf einige sei hier hingewiesen.

 

  1. Das Handeln des Judas entwertet nicht den Zwölferkreis. Die Schuld des einen nimmt diesem besonderen Jüngerkreis nicht die Bedeutung, Zeichen für die eschatologische Sammlung des Volkes Gottes durch Jesus zu sein. Mit dem Wort „Zeichen“ ist die Funktion der Repräsentation des neuen Israel verbunden. Der Zwölferkreis vergewissert dadurch die Menschen in der Hoffnung, dass Gott seine Verheißungen erfüllt. Dabei geht es besonders um Jesaja: „ Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht“ (Jes 49,6). Bevor dazu die Jünger die Gabe des Heiligen Geistes erhalten, ist der Zwölferkreis zu ergänzen, damit er seine Aufgabe erfüllen kann. Sie soll durch die Tat des Judas nicht beeinträchtigt werden.

 

  1. Petrus beruft sich auf Worte der Schrift. Uns erscheint die Anwendung der Zitate vielleicht etwas weit hergeholt. Für die Gemeinde der Frühzeit war es wichtig, dass Vorgänge in der Gemeinde durch die Applikation von Sätzen aus der Heiligen Schrift bestätigt wurden. Das jeweilige Handeln wird dadurch nicht begründet, sondern in den größeren Zusammenhang der Geschichte Gottes mit seinem Volk zeichenhaft eingebunden. Grundlage der Initiative des Petrus ist seine Verantwortung für die Erfüllung des Auftrages, den der Zwölferkreis durch Jesus erhalten hatte.

 

  1. Die Zwölf haben die Aufgabe, Zeugen zu sein. Durch die Bedingung für die Kandidatur, dass der neue Apostel dabei gewesen sein soll „angefangen von der Taufe des Johannes“, wird die Zeugenschaft nicht nur auf die Auferstehung Jesu bezogen. Das Wort steht in Verbindung zur Aussage Jesu: „Ihr werdet meine Zeugen sein … bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8). Die Zeugenschaft bezieht sich also auf die Verkündigung Jesu und sein Wirken vor seinem Tod, auf seine Auferstehung und seine Worte in den Begegnungen und auf seine Wirken als der erhöhte Christus; damit ist verbunden die Verheißung seines Kommens in Herrlichkeit.

 

  1. Das Handeln der Gemeinde beginnt mit dem Gebet. Der Zwölferkreis wurde durch Jesus konstituiert, nachdem er die ganze Nacht gebetet hatte (Lk 6,13). Er hat also damit einen Auftrag des Vaters erfüllt. So verstehen die meisten Interpreten des Textes das Gebet des Petrus an Gott gerichtet wie auch in Apg 4,23-31. Er ist der, der die Herzen der Menschen kennt. Das hat er immer wieder in der Geschichte Israels unter Beweis gestellt. Noch wichtiger ist, dass in diesem Ansatz deutlich die Überzeugung zum Ausdruck kommt, dass Gott sich ansprechen lässt.

 

  1. Gott wirkt durch Zeichen, die im Leben des Menschen einen Platz haben. Das Los wurde nicht unbedingt als ein Zeichen für das Wirken Gottes betrachtet, es war ein bewährtes Mittel der Konfliktlösung, also ein Element des alltäglichen Lebens. Der Mensch ist in seiner Beziehung Gott auf Zeichen angewiesen. Sie gewinnen ihren Wert einzig dadurch, dass Vorgängen eine ganz bestimmte Bedeutung ausdrücklich im Zusammenhang der personalen Beziehung des Menschen zu Gott oder Gottes zu dem Menschen zugewiesen wird. Auch in den hochwertigen personalen Beziehungen der Menschen untereinander ist eine solche Leistung des Bestimmens unerlässlich.

 

  1. Bieten diese Elemente nicht schon genug Material für die Auslegung und Belehrung, kommt durch die Aufstellung der Kandidaten noch eine Komponente hinzu. Josef wird hervorgehoben durch die Nennung des Vaternamens und seines Beinamens. Man nannte ihn den „Gerechten“; er war für seine Treue zum Gesetz bekannt. Das heißt auch, dass er im Gesetz bewandert war. Von dem anderen, dem Matthias, wird nichts Beachtenswertes gesagt. Auf ihn jedoch fällt das Los. Gott kann auch wirken durch Menschen, die nicht Theologen sind.

 

Dies sind einige Stichworte, die zeigen können, wie sich die Überlieferung des Lukas zur Besinnung eignet und auch für das Leben einer Gemeinde anregend sein kann.

 

 

Die Entstehung und Entfaltung der Verehrung des Apostels in Trier

 

Im Euchariuskloster im Süden vor der Stadt Trier wurden die Gräber der beiden ersten Bischöfe von Trier, Eucharius und Valerius, und das Grab des Bischofs Cyrillus verehrt. Bis zur Mitte des 11. Jh. wird der Apostel nach heutiger Kenntnis von niemandem erwähnt. Es beginnt mit Erzbischof Eberhard (1047-1066). Auf Veranlassung von König Heinrich III. (1039-1056) reiste er mit Bruno, dem Bischof von Toul, 1049 nach Rom. Bruno wurde dort vom König als Papst mit dem Namen Leo IX. (1049-1054) eingesetzt. Eberhard verehrte in Rom das Grab der hl. Helena, der Mutter Kaiser Konstantins. In Rom – so wurde berichtet – stieß er in einem Buch auf eine Beschreibung des Lebens der hl. Helena. Dort wurde berichtet, sie habe von ihrer Reise nach Betlehem und Jerusalem zahlreiche Reliquien mitgebracht, darunter auch die Gebeine des Apostels Matthias. Diese habe sie durch Bischof Agritius nach Trier bringen lassen. Die Reliquien des Apostels stehen damit im Zusammenhang mit den Herrenreliquien in Trier. Die bekannteste ist eine Tuchreliquie, die als Gewand des Herrn betrachtet wird (der sogenannte Heilige Rock).

Erzbischof Eberhard war von der Erwähnung des Apostels Matthias sehr beeindruckt. Nach seiner Rückkehr nach Trier stellte er Nachforschungen an. Als im Bering des Domes diese Reliquien nicht zu finden waren, war für ihn die Annahme naheliegend, dass diese Reliquien bei den Gräbern der ersten Bischöfe beigesetzt worden seien. Doch der Abt des Euchariusklosters, Reginhard (1048-1061), konnte keine Auskunft geben. Nachdem König Heinrich III. 1053 die Gebeine des Bischofs Valerius für seine Pfalz Goslar erhalten hatte, gruben die Mönche in der Kirche nach den Reliquien des Apostels. Aufgrund besonderer begleitender Ereignisse waren sie bei einem bestimmten Sarkophag der Meinung, auf die Gebeine des Apostels gestoßen zu sein.

Erzbischof Eberhard bestätigte den Fund und tat anschließend viel für die Verehrung des Apostels Matthias. Im Denken der damaligen Zeit steigerte der Besitz solcher Reliquien, die eine Beziehung zu den Aposteln und zur Kirche in Jerusalem herstellten, ungemein das Ansehen des Bischofssitzes.

Zu Beginn des 12. Jh. war das Kloster wirtschaftlich in der Lage, an einen Neubau der Kirche zu denken. Mit Abt Eberhard von Kamberg (1111-1135) setzte eine Reform der Gemeinschaft ein. Die Verehrung des Apostels Matthias war dabei ein wichtiger Faktor. Die Mönche wünschten sich ein richtiges Apostelgrab. Die Bauarbeiten begannen 1127; beim Abbruch des Marienaltars wurde der kleine Sarkophag mit den Reliquien des Apostels freigelegt. Bei der Fertigstellung der Kirche setzte man sie in einen großen Sarkophag, der in der Folgezeit als Apostelgrab bezeichnet wurde.

Als Papst Eugen III. (1145-1153) von November 1147 bis Februar 1148 zu einer Synode in Trier war, weihte er die Kirche am 13. Januar 1148. Das stärkte die Verehrung des Apostels in Trier ungemein. Die neue Kirche wurde tatsächlich zu einer lebendigen Stätte des Gebetes für Menschen, die von weither kamen.   Fortan erhielt das Euchariuskloster einen zweiten Namen: St. Matthias. Die Pilger bildeten schon bald nach 1150 Bruderschaften und trugen so das Gedankengut, das mit der Verehrung des Apostels verbunden war, in ihre Heimatgemeinden. Die bereits vorhandene Verehrung von Reliquien des Apostels an anderen Orten beeinträchtigte die Bedeutung von Trier nicht.

Da Trier an einem der Pilgerwege nach Santiago lag, hatte es am mittelalterlichen Pilgerwesen Anteil. Die Verehrung des Apostels verbreitete sich allmählich über Mittel- und Osteuropa, Schwerpunkte lagen im Rheinland, in Lothringen und in Ungarn, Böhmen und Schlesien. Die Übertreibungen und Irrungen der Reliquienverehrung blieben auch in Trier nicht aus, wurden aber durch die Frömmigkeit der Pilgerbruderschaften in Grenzen gehalten. Die Gestaltung des Apostelgrabes wurde in den verschiedenen Stilepochen verändert, behielt aber immer eine Dimension, die den Charakter einer Klosterkirche nicht beeinträchtigte.

 

Im 19. Jh. wurde besonders hervorgehoben: Die Person des Matthias ist ein Vorbild. Er war der „Apostel der Treue“ im Kontrast zu Judas. Berufen, den Kreis der Zwölf wiederherzustellen, stand er damit auch für die Treue zur Kirche. Besonders aktuell war es in der Zeit des Kulturkampfes in Preußen. Das Apostelgrab galt als Unterpfand dafür, dass die kirchenfeindlichen Mächte nicht siegen werden.

Als die Benediktinerabtei 1922 wiederbesiedelt wurde, haben die Mönche bald damit begonnen, die Wallfahrten, Bruderschaften und Pilgergruppen liturgisch und biblisch zu betreuen. Dazu wurde 1927 die Erzbruderschaft gegründet.

Es erwies sich als Vorteil, dass die Legenden zur Person des hl. Matthias sehr spärlich sind. Lediglich der Bericht, dass er bei seinem Martyrium enthauptet worden sei, hatte seine Darstellung in der Kunst geprägt: Er hat als Zeichen seines Martyriums ein Beil. Die damals wichtigen Stichworte waren Zeugenschaft und Gemeinschaft. Die Einflüsse der Jugendbewegung sind dabei nicht zu übersehen.

 

 

Die Verehrung des Apostels Matthias heute

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die Bruderschaften die liturgische Erneuerung wieder auf und öffneten sich der ökumenischen Bewegung. Die Gegenüberstellung zu Judas Iskariot wurde fast ganz aufgegeben bis auf Restbestände in Gebeten von einigen älteren Bruderschaften. Daher werden beim Vortrag der Lesung aus der Apostelgeschichte die Verse über den Tod des Judas (Apg 1,18-20a) regelmäßig ausgelassen. Mit den Anregungen des Zweiten Vatikanischen Konzils trat die Heilige Schrift bei den Versammlungen und Gottesdiensten mehr und mehr in den Vordergrund. Die Abtei gibt seitdem für jedes Jahr ein Leitwort heraus, zu dem eine Auswahl biblischer Texte angeboten wird. Im Laufe der Zeit gewannen bestimmte Lesungen für die Besinnung der Pilger an Bedeutung, dass sie fast als Standardlesungen betrachtet werden können. Dafür seien hier einige Beispiele angeführt.

 

  1. Da der Apostel Matthias sicher nichts anderes verkündet hat als die anderen Apostel, kann das Wort des Petrus in der Rede an Pfingsten auch als Verkündigung des Matthias angesehen werden: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt, dafür sind wir alle Zeugen. Nachdem er durch die rechte Hand Gottes erhöht worden war und vom Vater den verheißenen Heiligen Geist empfangen hatte, hat er ihn ausgegossen, wie ihr seht und hört“ (Apg 2,32-33). Im Bekenntnis der Pilger heißt das: „Jesus lebt und wirkt“, und zwar auch im persönlichen Leben des einzelnen Pilgers und der einzelnen Pilgerin.

 

  1. Das Evangelium des Matthiasfestes ist Joh 15,9-17. Im Zentrum dieses Textes aus den sogenannten Abschiedsreden stehen die Worte Jesu: „Ihr seid meine Freunde“ (Joh 15,14). Dieses Wort wird durch die Verkündigung der Apostel an alle weitergegeben, die das Evangelium vom Reich Gottes annehmen. Die Verheißungen, die Jesus seinen Jüngern gab, beziehen die Pilger auf sich. Sie tun recht damit; es gehört zum Wesentlichen unseres Glaubens. Die Zusage der Freundschaft Jesu ist ein tiefgründiges und bedeutungsreiches Bildwort. Es enthält die Verheißung, den Pilgerweg des Lebens nicht allein gehen zu müssen. Die geheimnisvolle Gegenwart des Herrn gehört zur größeren Realität des Lebens einer jeden und eines jeden Einzelnen. Diese wenigen Worte wurden zum Leitwort der Bruderschaften und Pilgergruppen. In der barocken Portalanlage steht der Apostel über dem mittleren Portal, durch das die Pilger einziehen. Auf dem Buch in seiner Hand ist zu lesen: vos amici mei estis. Auf der Pilgermedaille steht auf einer Seite ihr meine freunde. Dadurch erhält die Wallfahrt einen starken Zug auf Jesus hin. Die Pilgerinnen und Pilger sind eingeladen, eine ganz persönliche Beziehung zu Jesus aufzunehmen.

 

  1. Ein weiterer Text hat an Bedeutung gewonnen, der Festtagsevangelium ergänzt und erweitert. Es ist das Gleichnis vom Weinstock, der im Johannesevangelium unmittelbar vorausgeht (Joh 15,1-8). Das für den Apostel Matthias so wichtige „Bleiben“ erhält eine auf die Tat bezogene Dynamik durch „Frucht bringen“ und „Liebe“. Zugleich verweis das Bild des Weinstocks auf die Gemeinschaft der an Jesus Glaubenden untereinander. Auf einer Seite der Pilgermedaille ist das XP eingraviert mit den Worten „unser leben“.

 

  1. Die Erfahrung der Gemeinschaft ist der Ansatz für die Anregung, sich auch nach der Wallfahrt für die Gemeinschaft der Christinnen und Christen am Ort nach Möglichkeit zu engagieren. Dazu dient die Aufnahme von 1 Kor 12 unter die zentralen Pilgertexte. Darauf liegt in der seelsorglichen Betreuung durch die Erzbruderschaft ein starker Akzent; denn die Situation in vielen Gemeinden ist eine Herausforderung für Christinnen und Christen, die sich wie die Matthiaspilger der Bedeutung ihrer Taufe bewusst sind.

 

Die Betonung der Beziehung zu Jesus hat dazu geführt, dass bei der Auslegung der Apostelwahl das Gebet des Petrus als an Jesus gerichtet verstanden wird. Er hat ja seinerzeit die Apostel berufen; er möge auch jetzt die Ergänzung bewirken. Jesus hört auf das, was Petrus im Namen aller vorträgt. Das entspricht dem Gebet der Pilger beim Einzug in St. Matthias: „Sieh auf uns, die wir hier vor dir stehen. Wer sich dir mit aufrichtigem Herzen zuwendet, geht nicht fort, ohne von dir gehört worden zu sein. Auch wenn es nicht immer unseren Vorstellungen entspricht, lässt du die Zuwendung zu dir nicht ins Leere gehen.“ Jesus sieht, er hört, er spricht. Das gehört zum Bekenntnis der Pilger. So ist es verständlich, dass für sie nicht nur das Gehen wichtig ist („Der Weg ist das Ziel.“), sondern im besonderen das Ankommen in St. Matthias. Es verbindet sich damit die bildhafte Vorstellung, von Matthias geleitet und vom Herrn angenommen zu sein – mit allem, was man mitbringt. Dies wird für die meisten in einer Eucharistie noch sakramental verdichtet.

 

Die Gemeinschaft ist als Thema für die Matthiasverehrung von großer Bedeutung, weil die überwiegende Zahl der Pilger in Gruppen kommen (etwa 5000 im Jahr). Anders als bei anderen Pilgerwegen, bei denen die Erfahrung des Einzelnen tragend ist („Ich bin dann mal weg.“), geht es bei den Matthiaswallfahrten vorrangig auch um die Erfahrung lebendiger Gemeinschaft („Ich geh dann mal mit …“). Tatsächlich bringt das Pilgern Betagte und Jugendliche, Arme und Wohlhabende in offenen Kontakt zueinander. Wichtig ist die Erfahrung, einander vertrauen zu können, und die praktische Zusammenarbeit und die gegenseitige Hilfe verbinden querintellektuell.

 

 

Ein Ort, der von der Kirche spricht.

 

Das Verhalten der Pilger gegenüber den Reliquien hat sich im Vergleich zu früher völlig geändert. Den Pilgern ist im allgemeinen bekannt, dass die Pilgerfahrt der Kaiserin Helena nach Betlehem und Jerusalem im Jahr 326 eine Tatsache ist, dass aber alles, was sie an Reliquien mitbrachte, einer historischen Überprüfung nicht standhält. Auch wenn man weiter vom „Apostelgrab“ spricht, wurde bei der Neugestaltung der Kirche vor einigen Jahren von einer Grabanlage Abstand genommen. Eine gotische Matthiasfigur bezeichnet die Stelle der Apostel-Memoria im Kirchenraum. Darunter ist in der Krypta ein Apostelschrein aufgestellt. Es handelt sich um einen kleinen Sarkophag, in dem die Gebeine sehr wahrscheinlich im 11.Jh. waren. Man könnte sagen, das Apostelgrab sei ikonisiert worden, zu einem heiligen Bild geworden.
Es ist also die Stätte insgesamt, die mit der Frühzeit der Kirche verbindet. Die Bischofsgräber aus dem 3. Jh. erinnern an den Weg der Kirche durch die Jahrhunderte. Die Kirche mit der Krypta ist für die Pilgerinnen und Pilger ein Ort, um mit Jesus Christus zeichenhaft in Kontakt zu kommen, der die Menschen, die vielen je Einzelnen, durch seinen Geist in der Kirche sammelt und durch die Zeiten leitet – als Sakrament des ewigen Heiles für alle.

 

Natürlich erlöschen auch Bruderschaften und Pilgergruppen. Es entstehen aber auch immer wieder neue. Zum Beispiel haben manche Pfarreien gute Erfahrung gemacht mit einer Jugendpilgerfahrt als Vorbereitung auf die Firmung. Die Erwachsenen, die als Betreuer teilnehmen, unternehmen dann eine eigene Pilgerfahrt, um die Erfahrung für sich selbst fruchtbar werden zu lassen.

Die Benediktiner bemühen sich, diesen hier skizzierten Charakter der Matthiasverehrung und des Pilgerns zum Apostelgrab für Menschen von heute fruchtbar werden zu lassen. Wer Näheres wissen möchte, wende sich über smb@abteistmatthias an die Gemeinschaft der Mönche.

 

Athanasius Polag OSB